Chiemgau-Impakt: Der Tüttensee-Meteoritenkrater, Geophysik sowie die Bohrungen und die Radiokarbon-Datierung des LFU

In der vorletzten Augustwoche sorgte eine Pressemitteilung aus dem Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) für einigen Wirbel im deutschen Blätterwald. ONLINE waren SPIEGEL, WELT, BILD, BERLINER MORGENPOST, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG und viele andere dabei. Was war, abgesehen von der Sommerloch-Zeit, so wichtig an der Meldung aus dem Amt? Der Leiter der Geologie-Abteilung am LfU, Dr. Roland Eichhorn rückte mit der Meldung heraus, dass Radiokarbon-Datierungen an Sedimenten vom „Kesselboden“ (Zitat) des Tüttensees ein Alter ergeben haben, die den gesamten Chiemgau-Impakt ausradieren würden. In Stellungnahmen und Pressemitteilungen (siehe diese Startseite ganz oben und z.B.

http://www.openpr.de/news/460561/Radiokarbon-Datierung-des-Bayerischen-Landesamtes-fuer-Umwelt-LfU-am-Tuettensee-Krater-Viel-Laerm-um-nichts.html 
http://www.openpr.de/news/460562/Streit-um-Meteoritenkrater-im-Chiemgau-Das-Chiemgau-Impact-Research-Team-erwidert-und-klaert-den-Leser-auf.html
http://www.openpr.de/news/460807.html
http://www.scribd.com/doc/36498187/Chiemgau-Impact-irrelevante-Radio-Carbon-Datierung-des-LfU-am-Tuttensee-Kurzfassung
http://www.scribd.com/doc/36500483/Irrelevante-C-14-Datierung-des-LfU-zum-Chiemgau-Impact-am-Tuttensee-Langfassung

hat das Chiemgau Impact Research Team (CIRT) erklärt, dass es sich dabei um eine Irreführung der Leser handelt, da die Proben für die Datierung nicht vom „Kesselboden“ stammen, sondern außerhalb des Sees an Land genommen wurden. Dort aber hat das CIRT bereits vor zwei Jahren selbst Proben gezogen und festgestellt, dass dort alte Sedimente angetroffen werden, die vom Impakt nicht mehr merklich beeinflusst wurden. Nachfolgend wird anhand von Ergebnissen geophysikalischer Messungen näher erläutert, dass das nach Vorstellung von Impakt-Experten für den Tüttensee-Krater nicht anders zu erwarten ist.

Abb. 1. Die Schwerekarte (BOUGUER-Restfeld) vom Tüttensee und seiner Umgebung.

Ein wesentliches Kriterium dafür sind die Ergebnisse von Schwerkraftmessungen (Gravimetrie), die das CIRT schon von einigen Jahren auf dem zugefrorenen Tüttensee und in dessen Umgebung vorgenommen hat (http://chiemgau-impakt.de/Gravimetrische_untersuchungen.pdf). Dabei gab es das überraschende Ergebnis, dass die negative Schwereanomalie des Tüttensee-Kraters von einer Zone relativ positiver Schwerewerte ringförmig umgeben ist. Bereits damals wurde diese Besonderheit als unvereinbar mit der viel beschworenen und durch nichts weiter belegten Toteis-Entstehung des Tüttensees bezeichnet., während eine Impakt-Verdichtung der Lockermassen durch die hohen Drücke der Schockwellen Sinn gibt.

Abb. 1 zeigt die damals aus den Messungen gewonnene Schwerekarte, und man erkennt innerhalb der Zone der Schwerezunahme (rotorange) eine starke Verdichtung der Isogammen (= Linien gleicher Schwereanomalie). Diese Verdichtung rührt vom markanten Dichtekontrast am Kraterrand her, und man kann daraus bereits einen Durchmesser der Hohlform von grob 300 m ableiten. Genauer liefert das eine mathematische Behandlung der Messdaten, was Abb. 2 in Form der zweiten horizontalen Ableitung (Fachausdruck!) und der darin markierten roten Linie vermittelt.

Bdw 001

Abb. 2. Die zweite horizontale Ableitung des Schwerefeldes von Abb. 1. Die rote Linie markiert den Ort der größten Schwereänderung im Bereich des Kraterrandes.

Diese rote Linie ist maßstabsgerecht auf den Tüttensee in Abb. 3 übertragen. Und da wird ganz besonders deutlich, dass der Tüttensee und der Meteoritenkrater zwei verschiedene Dinge sind: Der Krater ist merklich kleiner als die Seeausbreitung, und der Kraterrand verläuft überall deutlich im Wasser.

Abb. 3. Nachzeichnung des Randes des Tüttensee-Meteoritenkraters nach Schwerkraftmessungen (Gravimetrie).

Zu sehr ähnlichen Resultaten kommen seismische Messungen auf dem See in Form des Sedimentecholots., was hier http://de.scribd.com/doc/36500483/Irrelevante-C-14-Datierung-des-LfU-zum-Chiemgau-Impact-am-Tuttensee-Langfassung genauer nachgelesen werden kann. Profile des Sedimentecholots, die dem CIRT zur Verfügung gestellt wurden, zeigen den Kraterrand ebenfalls in Form eines abrupten Abbruchs der geschichteten Sedimente, die vor dem Impakt den Untergrund gebildet hatten. Für drei Profile sind diese Abbruchstellen in Abb. 4 mit einem kleinen roten Balken markiert, was gut mit dem Resultat der Gravimetrie korrespondiert.

Bdw 001

Abb. 4. Der Tüttensee-Kraterrand nach Gravimetrie (weiß) und Seismik (Sedimentecholot; rot).

Was hat das mit der Pressemitteilung aus dem LfU zu tun? In dieser Zusammenstellung der Bilder vom Tüttensee wird besonders deutlich, wie verfälschend es sich in der Pressemitteilung liest, wenn von der Probennahme am „Kesselboden“ die Rede ist . Vom Kesselboden gibt es bisher nicht eine einzige Probe. Mitarbeiter des LfU haben Proben an Land gezogen, und zwar, wie die Abbildungen vermitteln, weit ausserhalb des Kraterrandes, wo die Radiokarbon-Datierungen keine überraschenden Alter ergeben haben. Für eine Füllung des Medien-Sommerlochs taugen sie nichts.

Angemerkt soll noch werden, dass der von der Kreisform abweichende Verlauf des Kraterrandes mit dem Einschlag eines in drei Teile zerbrochenen Projektils erklärt werden kann (Abb. 5). Das ist nicht ungewöhnlich und auch bei anderen Meteoritenkrater (z.B. Henbury in Australien) zu beobachten. Auch den jüngst im Chiemsee mit SONAR nachgewiesenen Doppelkrater (Abb. 6) muss man zu einem solchen Szenario rechnen.

Bdw 001

Abb. 5. Der Tüttensee-Meteoritenkrater – ein Krater-„Dreierpack“?

Bdw 001

Abb. 6. Der Doppelkrater mit Ringwall am Chiemsee-Boden nach SONAR-Messungen – vermutlich entstanden durch den Einschlag eines Zwillingsprojektils.