Chiemgau-Impakt: Neuer umfangreicher Artikel zum Chiemit im Druck erschienen

Abstract: Unusual carbonaceous matter, termed here chiemite, composed of more than 90% C from the Alpine Foreland at Lake Chiemsee in Bavaria, southeastern Germany has been investigated using optical and atomic force microscopy, X‐ray fluorescence spectroscopy, scanning and transmission electron microscopy, high‐resolution Raman spectroscopy, X‐ray diffraction and differential thermal analysis, as well as by δ13C and 14C radiocarbon isotopic data analysis. In the pumice‐like fragments, poorly ordered carbon matter co‐exists with high‐ordering monocrystalline α‐carbyne, and contains submicrometer‐sized inclusions of complex composition. Diamond and carbyne add to the peculiar mix of matter. The required very high temperatures and pressures for carbyne formation point to a shock event probably from the recently proposed Holocene Chiemgau meteorite impact. The carbon material is suggested to have largely formed from heavily shocked coal, vegetation like wood, and peat from the impact target area. The carbonization/coalification high PT process may be attributed to a strong shock that instantaneously caused the complete evaporation and loss of volatile matter and water, which nevertheless preserved the original cellular structure seen fossilized in many fragments. Relatively fresh wood encapsulated in the purported strongly shocked matter point to quenched carbon melt components possibly important for the discussion of survival of organic matter in meteorite impacts, implying an astrobiological relationship.

Zusammenfassung: – Ungewöhnliche Kohlenstoff-Materie aus mehr als 90% C, hier Chiemit genannt, aus dem Alpenvorland am Chiemsee in Bayern, wurde mit optischer und Rasterkraftmikroskopie, Röntgenfluoreszenzspektroskopie, Raster- und Transmissionselektronenmikroskopie, hochauflösender Raman-Spektroskopie, Röntgenbeugung und Differentialthermoanalyse sowie mit δ13C und 14C Radiokohlenstoff-Isotopendatenanalyse untersucht. In den bimssteinähnlichen Fragmenten koexistiert schlecht geordnete Kohlenstoffsubstanz mit hochrangig monokristallinem α-Carbin und enthält submikrometergroße Einschlüsse komplexer Zusammensetzung. Diamant und Carbine tragen zur eigenartigen Mischung der Materie bei. Die für die Bildung von Carbinen erforderlichen sehr hohen Temperaturen und Drücke deuten auf ein Schockereignis hin, das wahrscheinlich auf den kürzlich vorgeschlagenen holozänen Meteoriteneinschlag im Chiemgau zurückzuführen ist. Es wird angenommen, dass sich das Kohlenstoffmaterial weitgehend aus stark geschockter Kohle, Vegetation wie Holz und Torf aus dem Einschlaggebiet gebildet hat. Der Hochdruck-/Hochtemperatur-Prozess der Karbonisierung/Inkohlung  kann auf einen starken Schock zurückgeführt werden, der sofort die vollständige Verdampfung und den Verlust von flüchtigen Bestandteilen und Wasser verursachte, die jedoch die ursprüngliche Zellstruktur bewahrten, die fossil in vielen Fragmenten zu beobachten ist. Relativ frisches Holz, das in der vorgeschlagenen stark geschockten Materie eingekapselt ist, weist auf abgeschreckte Komponenten einer Kohlenstoffschmelze hin, was für die Diskussion über das Überleben organischer Substanzen bei Meteoriteneinschlägen möglicherweise wichtig ist und eine astrobiologische Beziehung haben kann.

Chiemgau-Impakt: Ein neuer größerer Einschlag-Krater bei Traunstein?

Die Nutzung des Digitalen Geländemodells DGM 1 und seiner hervorragenden Möglichkeiten für die Forschung hat in den letzten Jahren dazu geführt, einen ganz neuen Eindruck von den Vorgängen beim Kometen-/Asteroiden-Einschlag in unserer Region (Chiemgau-Impakt) und den heute noch relativ frisch erhaltenen, spektakulären Dokumenten dieser Katastrophe zu erhalten. Ein umfangreicher Artikel darüber mit vielen Abbildungen zum Thema (auf Englisch) wurde vor knapp zwei Jahren auch hier im Internet veröffentlicht und kann HIER heruntergeladen werden. Seitdem haben teilweise systematische Inspektionen der Region zum Auffinden einer großen Anzahl neuer Krater-Strukturen geführt, deren Morphologie wie im genannten Artikel beschrieben eine andere Deutung als Krater des Chiemgau-Impaktes (menschliche Konstrukte, Eiszeit-Bildungen) praktisch ausschließt.

Nicht selten sind neue Funde und Befunde aufmerksamen und interessierten „Zeitgenoss(inn)en“ zu verdanken, die auffällige Strukturen im Gelände gemeldet haben, für die dann die Daten des Digitalen Geländemodells geordert und ausgewertet wurden.

Die jüngste Beobachtung betrifft eine nahezu kreisrunde Vertiefung bei der Ortschaft Riederting, die als Kandidat für einen neu entdeckten Einschlag beim Chiemgau-Impakt zu gelten hat (Abb. 1).

Chiemgau Impakt 200 m Krater Riederting vermutet

Abb. 1. Der vermutete Einschlagkrater bei Riederting.

Die beim Amt georderten Daten des DGM 1 [zur Erinnerung: in einem 1 m x 1 m Flächenraster und mit einer Höhenauflösung von 20 cm (!)] wurden jetzt einer gründlichen Analyse unterzogen, deren Ergebnisse die nachfolgenden Abbildungen zeigen.

Chiemgau Impakt 200 m Krater Riederting DGM 1 Topographie

Abb. 2. Die Hohlform bei Riederting im Digitalen Geländemodell DGM 1.

Abb. 2 und Abb. 3 sowie die Höhenprofile in Abb. 4 zeigen eine nahezu kreisrunde flache Hohlform von 200 m Durchmesser mit einer nur schwach ausgebildeten Wall-Umrandung.

Erstaunlich ist die große Ähnlichkeit, die die Riederting-Hohlform mit dem Krater Bergham aufweist (Abb. 5, Abb. 6, Abb. 7), was Form, Durchmesser und Tiefe betrifft. Bergham wurde bereits in der Anfangsphase der Erforschung des Chiemgau-Impaktes zu den Impakt-Kratern gerechnet.

Bislang gelten Form der Riederting-Struktur und die große Ähnlichkeit zum Bergham-Krater als vielversprechende Hinweise auf einen neuen größeren Einschlag beim Chiemgau-Impakt, für eine sichere Einstufung sind dazu vor allem Messungen der Geophysik (Bodenradar, Geomagnetik, Geoelektrik) notwendig und vorgesehen.

Quelle für die Abbildungen des Digitalen Geländemodells: Geobasisdaten Bayerische Vermessungsverwaltung

Chiemgau Impakt 200 m Krater Riederting DGM 1 Topographie 3D

Abb. 3. Digitales Geländemodell in 3D.

 

Chiemgau Impakt Krater Riederting DGM 1 Höhenprofile

Abb. 4. Höhenprofile (Abb. 2) durch die Krater-Struktur bei Riederting. Die fast deckungsgleiche Überlagerung der beiden Profile verdeutlicht die nahezu kreisrunde Morphologie sowie eine schwach ausgebildete Wall-Umrahmung. Der Durchmesser der Struktur (Wallkrone) liest sich zu ca. 200 m ab.

Chiemgau Impakt Krater Bergham DGM 1 Topographie

Abb. 5. Der Krater Bergham im Digitalen Geländemodell DGM 1. Entlang der Linien im Geländemodell sind die Höhenprofile in Abb. 6 entnommen worden.

 

Chiemgau Impakt DGM 1 Höhenprofile Krater Bergham und Riederting

Abb. 6. Verblüffend große Ähnlichkeit zwischen der Riederting-Hohlform und dem Krater Bergham, der bereits in der Anfangsphase der Erkundungen zum Chiemgau-Impakt als Einschlagkrater erkannt wurde. Für beide Strukturen gilt derselbe Längen- und Höhenmaßstab.

Chiemgau Impakt Krater Riederting Chiemgau Impakt Krater Bergham

Abb. 7. Riederting (oben) und Bergham.

Neuer Artikel: „Pink Quartz“ im Krater-Streufeld

Pink quartz – a new, meteorite impact-related origin? Part 1: Observations and first hypothesis of formation [Pink (rosa) Quarz – ein neu gefundener Bildungsprozess bei Meteoriten-Einschlägen? Teil 1: Beobachtungen und eine erste Hypothese zur Entstehung]   PDF DOWNLOAD
Kord Ernstson* (2018)

Abstract. – Pink quartz, not to be confused with rose quartz, is an extremely rare color variety, which is completely transparent and is only known from a few occurrences worldwide. It is believed that the pink color is due to small amounts of aluminum and phosphorus that substitute silicon, and exposure of the quartz to natural gamma radiation. Sands with a dominating proportion of pink quartz excavated from the soil and extracted from a breccia layer in the crater strewn field of the Chiemgau meteorite impact suggest that normally colorless quartz sand was irradiated during the impact event and may possibly be found at other impact sites.

Zusammenfassung. – Pink Quarz (im Deutschen vielfach auch rosa Quarz), keinesfalls zu verwechseln mit Rosenquarz, ist eine extrem seltene Farbvarietät, die vollkommen durchsichtig und nur von ganz wenigen Fundorten auf der Erde bekannt ist. Es wird angenommen, dass diese pink/rosa Farbe auf geringe Mengen von Silizium  ersetzendem Aluminium und Phosphor zurückzuführen ist und das Quarz-Material einer natürlichen Gamma-Strahlung ausgesetzt wird. Sand von Bodenproben und aus einer Brekzien-Schicht im Chiemgauer Meteoritenkrater-Streufeld, der jeweils einen vorherrschenden Anteil von pink/rosa Quarz enthält, lässt vermuten, dass normalerweise farbloser Quarz-Sand beim Impakt-Ereignis bestrahlt wurde, was möglicherweise auch in anderen Impakt-Kratern beobachtet werden kann.

Key words: Pink and rose quartz, Chiemgau meteorite impact, neutron-gamma radiation

Schlüsselwörter: Pink/rosa Quarz und Rosenquarz, Chiemgau-Impakt, Neutron-Gamma-Strahlung.

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Faculty of Philosophy I, University of Würzburg, Germany, kernstson@ernstson.de

Artikel zum Chiemgau-Impakt: Kosmische Kollision in der Frühgeschichte – Stand der Forschung 2017

In der renommierten Zeitschrift für Anomalistik, Band 17 (2017), S. 235 -260, ist kürzlich ein umfassender Artikel (mit Peer review) über den gegenwärtigen Stand der Forschungen zum Chiemgau-Impakt erschienen:

Kosmische Kollision in der Frühgeschichte
Der Chiemgau-Impakt: Die Erforschung eines bayerischen Meteoritenkrater-Streufelds

von Michael Rappenglück, Barbara Rappenglück, Kord Ernstson

Zusammenfassung – „Chiemgau-Impakt“ bezeichnet ein Ereignis, das sich in der Bronze-/Eisenzeit mit der Schaffung eines großen Meteoritenkraterstreufeldes durch den Einschlag eines Kometen/ Asteroiden in Südostbayern abgespielt hat. Die Forschung ist von Anfang an interdisziplinär an- gelegt und umfasst u.a. Geologie, Geophysik, Limnologie, Archäologie, Mineralogie, Speläologie, Astronomie und historische Wissenschaften. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass sich im Gebiet zwischen Altötting, dem Chiemsee und dem Alpenrand eine große Katastrophe abgespielt haben muss. Funde von exotischem Material, das teilweise nur in Meteoriten vorkommt, durch höchste Drücke und Temperaturen und Einwirkung von Säure extrem beanspruchte und veränderte Gesteine, verschiedenste ganz ungewöhnliche Kohlenstoff-Modifikationen, Nanodiamanten, geophysikalische Anomalien, enorme, weit verbreitete Bodendeformationen und viele andere Auffälligkeiten können durch die Hypothese eines nacheiszeitlichen Impakts stimmig erklärt werden. Sämtliche in der Forschung geforderten Impaktkriterien konnten nachgewiesen werden. Der Einschlag verbunden mit einem großen Air Blast hat erhebliche regionale und wohl auch überregionale Wirkungen hervorgerufen. Menschen nicht nur aus der Region des Chiemgaus waren Augenzeugen des faszinierenden, schockierenden und verstörenden Ereignisses. Möglicherweise wurden recht genaue Beschreibungen des Ablaufs und der regionalen Auswirkungen sogar im antiken griechischen Mythos des jugendlichen Sonnenwagenfahrers Phaeton geschildert. Der Beitrag erläutert den heutigen (2017) Kenntnisstand und geht kurz auch auf die Forschungsgeschichte ein.

Die Veröffentlichung in der Zeitschrift für Anomalistik hat ihren besonderen Grund und Reiz. Dazu zitieren wir aus dem Vorwort des Herausgebers Gerhard Mayer (Gesellschaft für Anomalistik) zum Band 17:

“ … Wissenschaftliche Anomalistik, und dies wird hier ein weiteres Mal sehr deutlich, ist ein multidisziplinäres Unterfangen mit einer großen thematischen Vielfalt und Heterogenität. Denn in jeder Disziplin stößt man auf Anomalien, die aufgrund ihrer besonderen Natur aus dem Rahmen des Üblichen fallen. Sie werden in der Regel vom Mainstream ignoriert, gemieden oder bagatellisiert, und nur wenige unvoreingenommene Forscher wenden sich ihnen zu. Solche Anomalien fallen dann in den Bereich der wissenschaftlichen Anomalistik.

Nicht immer jedoch ist es für einen Außenstehenden einfach zu verstehen, warum eine wissenschaftliche These sozusagen „ausgestoßen“ wird, warum sie nicht Gegenstand einer seriösen wissenschaftlichen Untersuchung werden soll, warum sie nach Ansicht des akademischen Mainstreams nicht die Mühen der Auseinandersetzung lohnt, weswegen diejenigen Wissenschaftler, die anderer Ansicht sind, im besten Fall schräg angesehen, im schlimmeren als unseriös und pseudowissenschaftlich diffamiert werden. …. So kann man bei Pohl & Zöhn (2017: 162-163), durchaus nachvollziehbar, lesen: „Wir konnten die ‚anomalistischen Aspekte‘ der Hypothese zunächst nicht ergründen. ‚Anomal‘ schien uns vor allem die Tatsachen, dass das wissenschaftliche Establishment mit Michael Rappenglücks ‚einschlagenden‘ Argumenten offensichtlich Probleme hat.“ Sie beziehen sich dabei auf den Vortrag „ChiemGAU – Bombardement aus dem All“, der die Basis für den ersten Aufsatz dieser Ausgabe bildet. Dort wird the Theorie des sogenannten ‚Chiemgau-Impakts‘ vorgestellt, der einen von den Autoren vermuteten Kometen- oder Asteroiden-Einschlag in Südostbayern postuliert. Bestimmte Landschaftsformationen sollen damit in einem von den gängigen Annahmen abweichenden Modell erklärt werden. Dafür führen sie eine ganz Reihe plausibler und nachvollziehbarer Argumente an – zumindest was die chemischen, physikalischen – allgemein: materiellen Befunde anbelangt. Zu Recht also stellt man sich die Frage, weshalb eine solche Theorie aufgrund einer entsprechenden Behandlung durch den Mainstream in den Bereich der Anomalistikforschung gelangt. Offenbar werden hier Grenzen des gewohnten und liebgewonnenen Erklärungsraums (Deutung der Formationen als Relikte der letzten Eiszeit) der üblicherweise mit diesen Themen befassten Wissenschaftler überschritten. … “