Seit der ursprünglichen Veröffentlichung auf dieser Webseite sind neue Erkenntnisse hinzugekommen:
– Mehrere Krater sind mittlerweile mit Schürfen und Gräben näher untersucht worden; ferner wurden topographische Aufnahmen und geophysikalische Messungen vorgenommen. Letztere haben gezeigt, dass viele Krater eine deutliche geomagnetische Signatur aufweisen, die nicht anthropogen begründet ist sondern mit den Böden und Gesteinen des Untergrundes zusammenhängt.
– Neue Analysen des eigentümlichen metallischen Materials, das im Streufeld gefunden wird, mit der Raster- (REM) und Transmissions(TEM)-Elektronenmikroskopie haben bemerkenswerte Resultate erbracht. Danach ist ein extraterrestrischer Ursprung mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen. Siehe dazu den Beitrag:
http://www.lpi.usra.edu/meetings/lpsc2011/pdf/1391.pdf
Drei REM-Aufnahmen des besonderen Materials der Eisensilizide (Partikel ganz links).
– Impakt-Schmelzgesteine: Auffällige Impakt-Schmelzgesteine, die sich beim Chiemgau-Impaktereignis gebildet haben, wurden im Bereich des Tüttensee-Kraters, um den Chiemsee herum und auf der Fraueninsel im Chiemsee gefunden. Im 17ten und 18ten Jahrhundert wurden diese bimsstein-ähnlichen, extrem festen Gesteine in der Region als Baustein genutzt, und einige wenige Häuser und Stallbauten, die mehr oder weniger vollständig aus diesem Material bestehen, haben bis heute überlebt. Das ist der Grund, warum diese Schmelzgesteine heute in der Natur nur noch ganz selten gefunden werden, und mittlerweile haben Gesteins-”Jäger” praktisch für den Rest gesorgt.
Eigenartigerweise wurden diese besonderen Gesteine von lokalen Geologen bis heute mit Eisenschlacke der Verhüttung verwechselt oder gar einfach übersehen. Vor allem das erstere ist kaum zu verstehen, weil die i.a. sehr schaumigen Gesteine eine extrem niedrige Dichte besitzen, die es ihnen erlaubt, auf dem Wasser zu schwimmen (früher von Kindern auch als “Schwimmsteine” bezeichnet, mit denen sie am Tüttensee spielten). Demgemäß zeigen Dünnschliffe, dass das Material der Schmelzgesteine im Inneren vollständig frei von Erz- und Eisenpartikeln ist, und das Auftreten von Schockeffekten unterstreicht den Impaktursprung. Die Mineralzusammensetzung spricht dafür, dass das Ausgangsgestein für die Schmelze Seeton vom Chiemsee und seiner Umgebung war.
Typische Impakt-Schmelzgesteine vom Umfeld des Chiemsees. Oben: Bims-ähnliches Gefüge. C: Blasiges Gefüge geht als Folge einer Abschreckung in ein oberflächiges, dichtes grünliches Glas über. D: Oberflächiges Fließgefüge, das an typische vulkanische Stricklava erinnert.
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Struktur und Material der Krater (ursprünglicher Beitrag)
Bisher sind erst wenige Krater gründlicher untersucht worden. Grabenschnitte durch einige der Hohlformen zeigen typische schüsselförmige Profile (z. B. Fehr et al. 2005), wie sie von Meteoritenkratern vergleichbarer Größe bekannt sind. Nach Bodenradarmessungen in einem exemplarisch untersuchten Krater (Hoffmann et al. 2005) setzt sich das Schüsselprofil in die Tiefe fort mit einer starken Radarreflexion am Kraterboden.
Die Mehrzahl der Krater hat einen deutlichen Ringwall mit einem steilen Einfallen zur Kratermitte und abgeflachter Struktur nach außen. Erhaltene Auswurfmassen (Ejekta) außerhalb der Ringwälle werden gelegentlich auf Luftbildern, vor allem im Infrarot-Licht sichtbar (Abb. 1). Häufig weisen die Krater eine leicht asymmetrische, meist elliptische Form auf.
Abb. 1. Ein Krater mit 15 m Durchmesser bei Perach. Die Fotografie zeigt nach einer Bildbearbeitung deutlich die z.T. radialstrahlig ausgebildete Zone des Auswurfs. Luftbild: Bay. LfD.
Kiesiges Material im Zentrum der Krater zeigt sich scharfkantig zerbrochen und unterscheidet sich grundsätzlich von den gewöhnlich gut gerundeten Geröllen der Umgebung (Abb. 2).
Abb. 2. Typisch scharfkantig gebrochenes Material der Kraterböden (links) im Vergleich zu den gut gerundeten Geröllen in der Umgebung der Krater (rechts).
Das Wallmaterial erweist sich vielfach als extrem mechanisch und thermisch beansprucht, was ausführlicherin den Menüpunkten Makroskopische Deformationensowie Mineralogisch-petrographische und geochemische Untersuchungen erörtert wird. Von Hoffmann et al. (2005) wird ein Krater beschrieben, bei dem das gesamte Material des Walls bei einem Durchmesser von ca. 20 m durchgreifend auf über 1500°C erhitzt gewesen sein muß.
In der Nähe der Hauptkrater kann eine auffällige Art der Sekundärkraterbildung beobachtet werden. Hat man die obersten Bodenschichten bis in eine Tiefe von etwa 0,5 m abgetragen, werden 0,2 – 0,3 m große scharfkantige Gesteinsfragmente freigelegt, die in dem sonst unberührten Untergrund stecken. Umgeben sind sie von einer auffallenden, bis zu 1 m messenden ringförmigen Verfärbung des einbettenden Materials (Abb. 3). Sekundärkraterbildung meint, daß diese Brocken vermutlich aus dem Hauptkrater ballistisch herausgeschleudert wurden und beim Landen einschlugen.
Abb. 3. Aufgegrabener Brocken eines Sekundärimpaktes (links) und verfärbtes Einbettungsgestein (rechts).
Eigenartiges metallisches Material (Abb. 4) findet sich angehäuft um alle Krater herum, und zwar in einer gewissen Tiefe von 0,3 – 0,4 m. Gelegentlich ist es in die liegende Kiesschicht eingedrungen. In der Mehrzahl ist das Material im Nordosten der Krater konzentriert, wobei der Abstand zum Krater mit der Kratergröße zunimmt.
Abb. 4. Feinfraktion des eigenartigen metallischen Materials in der Nähe des großen Bergham-Kraters. Man beachte die zahlreichen perfekten Kügelchen .
Eisensilizide (FeSi, Gupeiit Fe3Si, Xifengit Fe5Si3) können auf einer weitaus größeren Fläche von etwa 3000 km² nachgewiesen werden, über den Korridor hinaus, der von dem Kraterstreufeld definiert wird. Folgt man von Nord nach Süd der Hauptachse der Streuellipse, wird das Material sogar bis in die erste Alpenkette südlich vom Chiemsee bis in eine Höhe von 1200 m NN gefunden.
- Neue Befunde zu den Eisensiliziden siehe HIER.



