Gegenwärtig steht eine präzise Datierung des Chiemgau-Einschlags noch aus. Anhaltspunkte aus verschiedenen Disziplinen der Geistes- und Naturwissenschaften ermöglichen es aber, einen Zeitrahmen aufzuspannen und darin das Impaktereignis einzugrenzen.
Die verschiedenen Anhaltspunkte ergeben für den Impakt einen Zeitrahmen etwa zwischen 1000 v. Chr. und 335 v. Chr. Eine neuere Datierung mit der Thermolumineszenz-Methode (persönliche Mitteilung Dr. B. Raeymaekers) von einem Krater-Geröll, das mit einer nanodiamant-haltigen Glaskruste überzogen ist, gibt ein Alter von 300 v. Chr. + 200 Jahre. Damit erscheint derzeit ein Datum für den Einschlag zwischen 500 und 335 v. Chr. am wahrscheinlichsten.
Abb. 1. Römische Funde (2. Jh. n. Chr.)
auf dem Kraterwall des Tüttensee.
Abb. 2. Auf dem Wall des Tüttensee wurde schon vor einiger Zeit ein besonderer Fund gemacht: Ein Schlüssel, dessen Knauf in Gestalt eines plastisch modellierten und fein ornamentierten Panters ausgearbeitet ist, stammt aus der Römerzeit, 2. Jh. n. Chr. Der Impakt muß daher auf jeden Fall vor dieser Zeit stattgefunden haben.
Abb. 3. Ein Bericht aus dem 18. Jh. bezeugt einen römischen Grabstein auf dem Wall des Tüttensee-Kraters. Die Inschrift: Für Cupitus, des Secundus Sohn, gestorben mit 81 Jahren, und Avetontia Romana, die Mutter, hat Secundus, der Sohn, (den Grabstein) gemacht. Aus: August Obermayr, Römersteine zwischen Inn und Salzach, Freilassing 1974.
Zwei Fragen werden im Zusammenhang mit der zeitlichen Einordnung des Impakts immer wieder gestellt: Gibt es schriftliche Quellen, die über das Geschehen berichten? In welchem Umkreis wirkte es sich aus, und beeinflusste es die damalige Kultur?
Leider haben die Kulturen, die zwischen 1000 und dem 4. Jh.v. Chr. unseren Raum geprägt haben (Urnenfelderkultur, Hallstatt, Latène), abgesehen von keltischen Inschriften, keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Auf Augenzeugenberichte hoffen wir also vergeblich. Möglicherweise haben aber antike Autoren Phänomene notiert, die als Fernwirkungen des Impakts sogar jenseits der Alpen im heutigen Italien oder auf dem Balkan beobachtet worden sein können: z.B. Steinregen oder auffallende Leuchterscheinungen. Um derartige Berichte zuverlässig mit dem Chiemgau-Impakt in Verbindung bringen zu können, bedarf es allerdings erst noch sichererer Datierungsgrundlagen durch andere Disziplinen.
Ähnlich schwierig ist es, Aussagen zu machen über die Bevölkerungsdichte zur Zeit des Impakts und über das Ausmaß seiner Auswirkungen: Wie viele Menschen lebten damals in unserem Raum? In welchem Umkreis wirkten sich die verschiedenen mit dem Impakt verbundenen Phänomene, z.B. Druckwelle und Glutwolke, aus? Müssen wir damit rechnen, dass es zu einem kulturellen Bruch, vielleicht einer völligen Verödung des betroffenen Gebiets für längere Zeit kam? Lässt sich dies an archäologischen Befunden ablesen? Oder traf das Ereignis ein so dünn besiedeltes Gebiet, dass einschneidende kulturelle Veränderungen nicht zu erwarten sind? Hat der Impakt das Klima der damaligen Zeit beeinflusst?
Abb. 4. Der Fall eines großen Meteoriten (ursprünglich ca. 127 kg schwer) zu Ensisheim, Elsass, am 7. November 1492 (aus der Luzerner Bilderchronik 1513). Man nannte ihn den "Donnerstein von Ensisheim“. Palais de la Regence, Ensisheim.
Abb. 5. "Wenn der Himmel mit seinen Sternen auf die Erde fällt" - Illustration von Lukas Cranach (1522) zur zweiten Vision der "Sieben Siegel“ aus der Johannes-Apokalypse: Die Sterne fallen in Form flammender Gesteinsbrocken aus dem aufgebrochenen Himmel, Wolken verdunkeln den Himmel, Erdbeben verursacht durch die einschlagenden meteoritischen Bruchstücke erschüttern die Städte und bringen Gebäude zum Einsturz. Die Menschen flüchten sich verängstigt in Höhlen, um irgendwie Schutz zu finden.
Abb. 6. Diese Malerei von P.I. Medvedev zeigt den beeindruckenden Fall des Feuerballs von Sikhote- Alin am Morgen des 12. Februar 1947. Der mehrere hunderte Tonnen schwere Eisenmeteorit zerbrach in eine gewaltige Kaskade von Fragmenten, die mit insgesamt ca. 200 t den größten je beobachteten Meteroitenschauer erzeugten. Der Maler blickte gerade zufällig aus seinem Fenster, als er das schreckenerregende Naturschauspiel sah und geistesgegenwärtig zum Pinsel griff, um es zu dokumentieren. Copyright: Dr. Michael Peteav, Smithsonian Astrophysical Observatory. 39.
Wie schwierig es ist, sich von den Auswirkungen des Impakts einen Eindruck zu verschaffen, das illustrieren die Daten und Berichte über die Explosion eines Himmelskörpers über der Region Tunguska (Sibirien/Russland) im Jahr 1908. Das Objekt, bei dem es sich nach den heute anerkanntesten Thesen um einen Asteroiden oder Kometen handelte, explodierte in einer geschätzten Höhe zwischen 5 und 14 km. Bäume in einem Umkreis bis etwa 30 km wurden entwurzelt oder entästet, ihre Rinde verbrannte. Die Zelte von Rentiernomaden wurden weggerissen oder eingeäschert, ebenso ihre Tiere. Menschen wurden durch die Luft gewirbelt und fielen in Ohnmacht, jedoch waren nur sehr wenige Todesopfer zu beklagen. Aus einer ca. 65 km entfernten Siedlung berichteten die Bewohner von einer unerträglich brennenden Hitze. Fenster und Türen wurden eingedrückt. Noch in vielen hundert Kilometer Entfernung nahm man helle Leuchterscheinungen und starke Erschütterungen wahr. Asche und andere Partikel wurden weit in die Atmosphäre empor gerissen und rund um den Globus verweht, und auf der ganzen nördlichen Hemisphäre wunderte man sich in den folgenden Tagen über Nächte, in denen es nicht richtig dunkel wurde.
Äußerst geringe kulturelle Auswirkungen in einem dünn besiedelten Gebiet verknüpfen sich also im Fall des Tunguska-Ereignisses mit global zu beobachtenden Phänomenen. Ob wir es beim Chiemgau- Impakt mit einer ähnlichen Kombination zu tun haben, oder aber sich das Ereignis als Auslöser archäologisch fassbarer kultureller Veränderungen herausstellen wird, können wir derzeit noch nicht sagen.