Unter die Lupe genommen: „Der Sturz des Phaethon“:

Diskussion und Erwiderung in der Zeitschrift „Antiquity“

Im Sommer 2010 haben die Historikerin Barbara Rappenglück und andere Wissenschaftler des Chiemgau Impact Research Teams in der renommierten internationalen Fachzeitschrift „Antiquity“ einen durch unabhängige internationale Experten begutachteten (peer review) Aufsatz publiziert unter dem Titel “The fall of Phaethon: a Greco-Roman geomyth preserves the memory of a meteorite impact in Bavaria (south-east Germany)“ (Antiquity 84, 2010, 428-439; http://antiquity.ac.uk/ant/084/ant0840428.htm). In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Antiquity“ versuchen Beamte des Bayerischen Landesamtes für Umwelt (LfU) in einer (keinem Fachgutachterprozess unterworfenen) Rückmeldung auf den Aufsatz von Rappenglück et al., den Umstand eines Meteoriteneinschlags im Chiemgau, den sog. Chiemgau Impakt, grundsätzlich in Frage zu stellen (Doppler et al., Antiquity 85, 2011, 274-277). Rappenglück et al. antworten darauf im selben Heft (Antiquity 85, 2011, 278-280; http://antiquity.ac.uk/ant/085/ant0850278.htm) und weisen die Einwände des LfU zurück. Die Copyright-Richtlinien von „Antiquity“ gestatten es nicht, den Text auf dieser Webseite zugänglich zu machen. Wir bieten hier daher einen Überblick zu unserer Erwiderung.

Doppler et al.s Argumentation stützt sich auf Studien, deren Ansatz für die Impaktforschung ungeeignet ist. Dies sei anhand des folgenden Beispiels illustriert: Doppler et al. bestreiten die Existenz des von uns mit dichten, gezielt angelegten Sonar-Messungen nachgewiesenen 900x400m-Doppelkraters im Chiemsee mit dem Argument, „over 200 km of seismic profiles“ sowie 4 Bohrkerne hätten keine „major disturbance in the sedimentary sequence“ gezeigt. Schauen wir uns zuerst die 200 km seismische Profile an. Projiziert man diese scheinbar beachtliche Länge als rechtwinkliges Netz auf die Fläche des Chiemsees, die eine Ausdehnung von ca. 80 km2 hat, so ergibt sich eine große Maschenweite von ungefähr 800 m. Das bedeutet, dass sogar eine so große Struktur wie der 900x400m-Doppelkrater der Auffindung leicht entgehen konnte. Betrachten wir des weiteren Doppler et al.s vier Bohrkerne. Für die Zielsetzung von Impaktforschung sind vier Bohrkerne verteilt über eine Fläche von 80 km2 der Nadel im Heuhaufen vergleichbar. Darüber hinaus unterliegen Doppler et al. dem Irrtum, dass im Fall von meteoritischen Nebeneinschlägen in den Chiemsee das gesamte Bett des Chiemsees durcheinandergebracht worden sein müsste (Doppler et al. 2011: 276: “They [the cores] produced undisturbed sections and show no indication of a major disturbance in the sedimentary sequence which would be expected from an impact.”). Dieser Gedanke belegt eine amateurhafte Vorstellung von Impaktprozessen und eine völlige Unkenntnis der Geophysik eines Meteoriteneinschlags. Im nächsten Absatz, im Zusammenhang mit Doppler et al.s Bohrung am Tüttensee, wird dies erläutert.

Das zentrale Argument von Doppler et al. basiert auf einer Bohrung am Rand des Tüttensees. Dort fanden sie “an undisturbed sequence ranging from 4800 years ago near the surface to 12 500 years ago from the lake deposits at the base” (Doppler et al. 2011: 274). Aus dieser Beobachtung schließen sie, dass weder der Tüttensee-Kessel ein Meteoritenkrater sei, noch, dass er – wie von uns erschlossen – im sehr späten Holozän entstanden sei, sondern seine Entstehung der letzten Eiszeit verdanke. Doppler et al.s Schlussfolgerung basiert auf der (falschen) Annahme, dass sich die Stelle ihrer Bohrung innerhalb des Kraters befinde. Die Frage, ob diese Stelle innerhalb oder außerhalb des Kraters ist, ist sehr wesentlich im Hinblick auf die beim Impakt freiwerdenden Kräfte, ihre Ausdehnung und ihre Auswirkungen. Der heute sichtbare Rest des Kraterwalls suggeriert, dass sich die Bohrstelle innerhalb des Kraters befinde. Doch ist dieser Eindruck, wie die Graphik zeigt, falsch. Die Bohrstelle befindet sich außerhalb der ursprünglichen Kraterhohlform, wo, den physikalischen Gesetzmäßigkeiten der Druckausbreitung entsprechend, die Schockintensität bereits so abgefallen war (auf einen maximalen Druck von wenigen kbar), dass geringfügige Deformationen in einem Bohrkern von wenigen Zentimetern Durchmesser nicht mehr erkennbar sind. Genauso ist es nicht möglich, dort noch einen Temperaturanstieg nachzuweisen. Doppler et al.s Kernargument erweist sich so als hinfällig.

Kraterbildung1 3

Stark vereinfachter Ablauf der Kraterbildung und der Ansatz der Bohrung des LfU (erstmalig veröffentlicht in ‚Antiquity‘ 85, 2011, S. 279).

Wir erläutern hier im Gegenzug unseren grundlegenden Beleg für einen Meteoriteneinschlag, den Doppler et al. konsequent ignoriert haben. Planare Deformationslamellen (engl. Planar Deformation Features [= PDF]) in Quarz sind eine Form der Schockmetamorphose von Gestein und gelten nach internationalem Standard als Beleg für einen Impakt (Stöffler & Langenhorst 1994: 165). PDFs entstehen durch sehr kurz wirkende, aber extrem starke Drücke (für die Entstehung von PDFs in Quarz sind minimal 5-10 GPa [50-100 kbar] erforderlich), und können einzig durch Impakte erzeugt werden. Weder tektonische Prozesse noch die Auflast von Gestein oder Eis erzeugen Schockphänomene. Wir haben PDFs in Steinen vom Tüttenseewall und aus der Tüttensee-Ejektaschicht gefunden (sowie in anderen Teilen des Kraterstreufelds) (Ernstson et al. 2010: 82). Diese Steine wurden beim Impakt im Zentrum des Kraters geschockt, aus dem Krater herausgeschleudert und außerhalb abgelagert. Ein Mikroaufnahme von PDFs haben wir in unserem Aufsatz veröffentlicht (Rappenglück et al.: fig. 3); PDFs von verschiedenen Stellen im Kraterstreufeld sind abgebildet in Ernstson et al. 2010: 82. Allein mit diesem Nachweis ist der Chiemgau-Meteoriteneinschlag bestätigt.

Statt sich mit diesen Belegen für Schockmetamorphose auseinanderzusetzen und die international akzeptierte Beweiskraft derartiger Beispiele von Schockmetamorphose für einen Meteoriteneinschlag zu akzeptieren, versuchen Doppler et al., ihre Leser mit ihrer (unhaltbaren) Kritik an Sekundäraspekten (sei es die Frage der Datierung, der kohligen Kügelchen, der stark korrodierten Steine, der verglasten Steine, der Eisensilizide etc.) davon zu überzeugen, dass der Impakt als solches Unsinn sei. Mit dieser Taktik greifen unsere Kritiker zum einen zu einer unwissenschaftlichen Vorgehensweise, zum anderen beweisen sie damit ihre fundamentale Unkenntnis von Impaktforschung und den darin gültigen Nachweiskriterien. Doppler et al. dokumentieren in geradezu absurder Weise selbst diese Unkenntnis, wenn sie von „astronomical conditions required as a criteria for an impact“ sprechen (Doppler et al. 2011: 277, unter Bezug auf Heinlein), die schlicht und einfach nicht existieren. Der Verweis auf Heinlein (Der so genannte „Kelten-Killer-Komet“ – Gab es einen Kometeneinschlag im Chiemgau? Journal für Astronomie, III/2009, Nr. 30, Zeitschrift der Vereinigung der Sternfreunde e.V., S. 84-86.) belegt, dass offensichtlich eine Verwechslung von „Nachweiskriterien“ und „Modellrechnungen“ vorliegt. Modellrechnungen sind durch viele Variable gekennzeichnet, die mit fortschreitendem Stand der Forschung immer neu angepasst werden müssen. Als Nachweiskriterium können sie aus diesem Grund nicht dienen, und unsere Kritiker erliegen einem Irrtum, wenn sie sie als ein solches heranziehen wollen. Unter http://www.chiemgau-impakt.de/diskussion finden Sie international akzeptierte Kriterien für einen Impakt und eine Aufstellung, wie der Chiemgau Impakt diese Kriterien erfüllt.

Ergänzende Bemerkungen:

Wir führen hier einige Beispiele dafür an, wie Doppler et al. unseren Text in “Antiquity” (Rappenglück et al. 2010: 428-439) verfälschend handhaben, und die zeigen, dass dem Text von Doppler et al. sogar die fundamentalen formalen Anforderungen an eine wissenschaftliche Debatte fehlen.

Doppler et al. (2011: 274) behaupten, wir würden den Chiemgau Impakt “some 2500 years ago” in die Eisenzeit datieren. Tatsächlich aber haben wir das Ereignis 4200-2800 Jahre zurück datiert (2200-800 v. Chr.), d. h. in die Bronzezeit (Rappenglück et al. 2010: 436).

Doppler et al. (2011: 274) behaupten, wir würden den Impakt durch den Mythos datieren. Das ist falsch: Wir haben den Impakt und den Mythos unabhängig voneinander datiert und dann die Daten verglichen (Rappenglück et al. 2010: 435-37).

Doppler et al. behaupten (2011: 276), wir würden sagen, der Chiemsee habe einst den Tüttensee eingeschlossen. Das ist schlicht und einfach nicht wahr, und natürlich können sie keine Belegstelle in unserem “Antiquity”-Aufsatz angeben, an der diese angebliche Behauptung stehen würde. Diese Art des Umgangs mit unserem Text ist mindestens schlampig zu nennen, wenn es sich nicht sogar um willentlich verzerrende Wiedergabe handelt.

Bemerkenswerterweise findet man diesen Umgang mit Texten auch bei Studien, mit denen sie ihre Statements zu untermauern versuchen: Doppler et al. (2011: 277) behaupten, Möslein habe die zur Diskussion stehende Ablagerung in Stöttham als “anthropogenic” bezeichnet. Natürlich geben sie keine Referenz an, denn in seinem Grabungsbericht (Möslein, S., 2009. Grabungsbericht. Chieming TS, Stöttham-Dorfäcker 2007/08. Technical report, Bad-Tölz, unpubl.; einsehbar im Landratsamt Traunstein) äußert sich Möslein überhaupt nicht zum Ablagerungsprozess dieser Schicht (Möslein 2009: 14f.).

Auch zitieren Doppler et al. (2011: 276) Gareis (Gareis, J. 1978. Die Toteisfluren des bayerischen Alpenvorlandes als Zeugnis für die Art des spätwürmzeitlichen Eisschwundes [Würzburger Geographische Arbeiten 46]. Würzburg) als Kronzeugen für die glaziale Entstehung der Tüttenseelandschaft. Doch Gareis (1978: 68) schließt mehrere Male die glaziale Genese von Teilen des Tüttensee-Ringwalls explizit aus. Mit diesen Beispielen gerät Doppler et al.s Text selbst unter rein formalen Gesichtspunkten ins Zwielicht.

Zur weiteren Lektüre empfohlen:

Ernstson, K., Mayer, W., Neumair, A., Rappenglück, B., Rappenglück, M.A., Sudhaus, D., Zeller, K.W. (2010), The Chiemgau Crater Strewn Field: Evidence of a Holocene Large Impact Event in Southeast Bavaria, Germany: Journal of Siberian Federal University, Engineering & Technologies 3 (1), 72-103. (http://elib.sfu-kras.ru/bitstream/2311/1631/1/04_.pdf)

Hiltl, M., F. Bauer, K. Ernstson, W. Mayer, A. Neumair, M.A. Rappenglück (2011), SEM and TEM analysis of minerals xifengite, gupeiite, Fe2Si (hapkeite?), titanium carbide (TIC) and cubic moissanite (SiC) from the subsoil in the Alpine Foreland: Are they cosmochemical?: 42nd Lunar and Planetary Science Conference, 1391.pdf. (http://www.lpi.usra.edu/meetings/lpsc2011/pdf/1391.pdf)

Liritzis, I., N. Zacharias, G.S. Polymeris, G. Kitis, K. Ernstson, D. Sudhaus, A. Neumair, W. Mayer, M.A. Rappenglück, B. Rappenglück (2010), The Chiemgau Meteorite Impact and Tsunami Event (Southeast Germany): First OSL Dating: Mediterranean Archaeology & Archaeometry, Vol.10, No. 4, (in press).

Rappenglück B., K. Ernstson, W. Mayer, A. Neumair, M.A. Rappenglück, D. Sudhaus, K.W. Zeller (2009), The Chiemgau impact: an extraordinary case study for the question of Holocene meteorite impacts and their cultural implications, Proceedings, Cosmology across cultures, ASP Conference Series 409, San Francisco, Astronomical Society of the Pacific, 338-343. (http://www.aspbooks.org/a/volumes/article_details/?paper_id=30130)

Rappenglück, B., M.A. Rappenglück, K. Ernstson, W. Mayer, A. Neumair, D. Sudhaus, I. Liritzis (2010), The fall of Phaethon: a Greco-Roman geomyth preserves the memory of a meteorite impact in Bavaria (south-east Germany), Antiquity 84, 2010, 428-439. (http://antiquity.ac.uk/ant/084/ant0840428.htm)

Schüssler, U., M. Rappenglück, K. Ernstson, W. Mayer, B. Rappenglück (2005), Das Impakt-Kraterstreufeld im Chiemgau: European Journal of Mineralogy 17, Beihefte 1, 124.