Der Chiemgau-Impakt und die Archäologie – neuer Artikel

The Chiemgau Impact – a meteorite impact in the Bronze-/Iron Age and its extraordinary appearance in the archaeological record

Barbara Rappenglück (Gilching), Michael Hiltl (Oberkochen), Michael Rappenglück (Gilching), Kord Ernstson (Würzburg)

Zusammenfassung. –

Der Chiemgau Impakt – ein Meteoriteneinschlag in der Bronze-/Eisenzeit und sein außergewöhnliches Auftreten im archäologischen Befund

Der größte bislang bekannte Meteoriteneinschlag des Holozäns ereignete sich in der Bronze-/Eisenzeit in Südostbayern, zwischen Altötting und dem Alpenrand. Das Er- eignis wird als „Chiemgau Impakt“ bezeichnet. Mehr als 100 Krater mit Durchmessern von 5 m bis zu mehreren hundert Metern verteilen sich über ein Gebiet von ca. 60 km Länge und 30 km Breite. Funde von meteoritischem Material bestätigen das Ereignis ebenso wie der verbreitete Nachweis von sog. Schockmetamorphose im Gestein. Im Mittelpunkt des Beitrags stehen neue Untersuchungen von „Schlacken“ aus einer ar- chäologischen Ausgrabung in Chieming-Stöttham, am Ostufer des Chiemsees. Sechs Objekte, die mit Polarisationsmikroskop und SEM-EDS analysiert wurden, stellten sich als komplexe Kombinationen von Gestein mit Metallpartikeln heraus. Während die Gesteinsbestandteile die für einen Meteoriteneinschlag typische Schockmetamorphose zeigen, erwiesen sich die metallischen Komponenten als Überreste von Artefakten aus hoch bleihaltiger Bronze bzw. Eisen. Zusammen bilden sie ein Impaktgestein. Nach unserem Kenntnisstand sind dies die weltweit ersten Beispiele, in denen Artefakte Bestandteile eines Impaktgesteins geworden sind. Darüber hinaus erlaubt die besondere Art der metallischen Komponenten sowie die Betrachtung des archäologischen Kontextes, die Datierung des Chiemgau Impakts auf ca. 900–600 v. Chr. zu präzisieren.

„Sterne und Weltraum“ und der Tüttensee-Krater beim Chiemgau-Impakt

„Sterne und Weltraum“ und der Tüttensee-Krater beim Chiemgau-Impakt

Tilmann Althaus, Redakteur des Magazins, in einer Buchbesprechung (Terrestrial Impact Structures von Manfred Gottwald, Thomas Kenkmann , Wolf Uwe Reimold):

„Somit sucht man z.B. Pseudokrater wie den bayerischen Tüttensee im Alpenvorland vergeblich, bei dem sensationsheischend eine Entstehung als Einschlagkrater vor rund 3500 Jahren postuliert wurde. Dies wurde bei ernsthaften wissenschaftlichen Untersuchungen ins Reich der Fabel verwiesen, woran auch der Autor Wolf Uwe Reimold beteiligt war. Tatsächlich ist dieser See ein Relikt der Eiszeit.“

Althaus, nach Ausweisung bei seiner Buchbesprechung promovierter Geowissenschaftler und seit 2002 Redakteur bei „Sterne und Weltraum“, hat wohl in der Redaktionsstube von den bald 20 Jahren die letzten 15 Jahre im Schlaf verbracht und nicht mehr mitbekommen, was in dieser Zeit bis auf den heutigen Tag an wissenschaftlichen Kampagnen der Geologie (an die 100 Schürfe um den Tüttensee herum), Geophysik (Gravimetrie, Seismik, Bodenradar), Mineralogie-Petrographie-Geochemie, Geomorphologie und Archäologie mit Kooperation renommierter Institute und Institutionen, dazu 2 Büchern, 33 Publikationen mit Peer-Review und Beiträgen auf international renommierten Kongressen (hier aufgelistet und nachzulesen) erfolgt ist.

Die „ernsthaften wissenschaftlichen Untersuchungen“ sind wohl beim Büroschlaf im Traum erschienen. Es gibt keine. Der einzige Beitrag von Reimold liegt mit seiner unsäglichen Presseerklärung zum Chiemgau-Impakt 15 Jahre zurück.

Ein peinlicher Beitrag in „Sterne und Weltraum“.

(K. Ernstson)

Forschungen Chiemgau-Impakt 2020 Rückblick

Forschungen Chiemgau-Impakt 2020 Rückblick – Beiträge zu internationalen Tagungen

Lunar & Planetary Science Conference (LPSC) Houston – American Geophysical Union (AGU) Fall Meeting San Francisco – Yushkin Readings 2020 Syktyvkar (Modern Problems of Theoretical, Experimental, and Applied Mineralogy) – Planetary Crater Consortium Meeting (PCC) Hawaii

AGU Fall Meeting 2020 San Francisco virtuell

AGU Fall Meeting – Poster in der Tagungsgalerie – Ernstson & Poßekel: Bodenradar-Messungen in Kratern des Chiemgau-Impaktes – neue Erkenntnisse zu den Kraterbildungsprozessen

Hier kann das Poster angeklickt werden, das natürlich nicht an der Wand hängt, aber aus der AGU Internet-Galerie als komplette Webseite mit allen entsprechenden Möglichkeiten abrufbar ist.

Tüttensee – Abschmelzgeschichte – Chiemsee-Gletscher – Chiemgau Impakt – Artikel R. Huber, R. Darga, H. Lauterbach

Kommentar zu: Der späteiszeitliche Tüttensee-Komplex als Ergebnis der Abschmelzgeschichte am Ostrand des Chiemsee-Gletschers und sein Bezug zum „Chiemgau Impakt“ (Landkreis Traunstein, Oberbayern)

Robert Huber 1, Robert Darga 2, and Hans Lauterbach 3

1 MARUM – Center for Marine Environmental Sciences, University of Bremen, Leobener Str. 8, POB 330440, 28359 Bremen, Germany; 2 Naturkunde- und Mammut-Museum Siegsdorf, Auenstr. 2, 83313 Siegsdorf, Germany; 3 Hermannstädter Str. 5, 83301 Traunreut, Germany

von Kord Ernstson 1, Barbara Rappenglück 2 und Michael A. Rappenglück 3

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1 Universität Würzburg, 2,3 Institute for Interdisciplinary Studies, Gilching

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In der jüngsten Zeitschrift des E&G Quaternary Sci. J., 69, 93–120, 2020, (deutscher Titel: Eiszeitalter und Gegenwart)

erschien der oben genannte Artikel, den wir kurz kommentieren wollen, und da nach bekanntem Spruch Bilder mehr als 1000 Wörter sagen können, beginnen wir entsprechend.

Gravimetrie am Tüttensee-Krater, Ring aus erhöhter Dichte durch Schock-Kompromierung

Gravimetrie Tüttensee-Krater: Verdichtung um den See durch Schockkompression. Selbst andere Geophysiker können sich das bei einem Toteisloch nicht vorstellen.

Seismik - Sediment-Echolot vom Tüttensee mit Reflexionsbildern als Beleg für den Impakt

Seismische Messungen auf dem Tüttensee: Ein Toteisloch verbietet solche Strukturen.

Bodenradar-Profil über den Ringwall des Tüttensee-Meteoritenkraters

Bodenradar um den Tüttensee und auf dem Wasser. Ohne weitere Worte.

Befunde vom Tüttensee-Krater

Impakt-Schmelzgestein vom Tüttensee-Krater mit Schock-Effekten

Impakt-Schmelzgestein von Tüttensee-Krater mit Rekristallisation, Schockmetamorphose: multiple Scharen planarer Deformationsstrukturen (PDFs) in Feldspat, diaplektisches Glas in Feldspat (Maskelynit); Ursprungsgestein vermutlich Seeton.

Glashaut-ummanteltes Geröll vom Tüttensee-Krater - extreme Hitze, extreme Kurzzeit

Sandstein-Geröll vom Tüttensee-Krater mit Glashaut. Die mikrometer-dünne Glashaut beweist eine extrem starke Erhitzung in extrem kurzer Zeit. Menschliches Wirken ausgeschlossen.

Planare Deformationsstrukturen (PDF) in Quarz vom Tüttensee-Krater. Unter dem Polarisationsmikroskop erkennt man beim Rotieren des Tisches mindestens fünf Scharen von PDFs, die für sehr hohen Schock-Druck sprechen und Impakt beweisen.

Shatter Cones vom Tüttensee-Krater  mit Vergleich

Gegenläufige Shatter Cones vom Tüttensee-Krater als Beweis von Schock und Impakt.

Aus rund 80 Schürfen um den Tüttensee-Krater: die nacheiszeitliche Katastrophenschicht mit Steinzeit- und Bronzezeit-Artefakten, polymikten Impaktbrekzien mit Schockeffekten, Impakt-Schmelzgesteinen, extremer Korrosion von Karbonat- und Silikatgesteinen, plastischen Deformationen von Quarzit-Geröllen, Knochen-, Zahn- und Geweihbruchstücken, Haarbüscheln.

Die polymikte Impaktbrekzie aus der Katastrophenschicht vom Tüttensee-Krater, die "Bunte Brekzie"

Die „Bunte Brekzie“ aus der Katastrophenschicht vom Tüttensee-Krater.

Teilgeschmolzener alpiner Kieselkalk aus der Katastrophenschicht vom Tüttensee-Krater,

Aus der Katastrophenschicht: ein angeschmolzener alpiner Kieselkalk.

Säure-korrodiertes Sandstein-Geröll aus der Katastrophenschicht vom Tüttensee-Krater,

Extreme Korrosion eines Sandstein-Gerölls aus der Katastrophenschicht. Säurelösung (Salpetersäure-Niederschlag nach dem Impakt).

Unter extremem Druck plastisch verformter Quarzit-Block aus der Katastrophenschicht vom Tüttensee-Krater,

Quarzit-Block aus der Katastrophenschicht. Eine solche plastische Verformung erfordert extreme Auflast-und Kontaktdrücke. Eiszeit am Tüttensee?

Aus der Katastrophenschicht: reichlich tierische und (?) menschliche Überreste.

Steinzeit- und Bronzezeit-Artefakte aus der Katastrophenschicht vom Tüttensee-Krater,

Steinzeit, Bronzezeit: Siedlung in der Eiszeit?

Dünnschliffaufnahmen unter dem Polarisationsmikroskop: Schock-Effekte als Beweis für Impakt in Geröllen aus den Schürfen am Tüttensee-Krater. Ausführliches mit mehr Bildern hier: https://www.chiemgau-impakt.de/pdfs/bdw3.pdf

Nach diesen Bildern zum Beweis der Impakt-Entstehung des Tüttensee-Kraters mit der ad absurdum– Kennzeichnung jeglicher Eiszeit-Konstruktionen, wollen wir dennoch einige wenige Sätze abschließend hinzufügen.

— Huber, Darga und Lauterbach erheben den Anspruch einer Totaldeutung der Geschehnisse in der Region auf rein sedimentologischer Basis und schreiben es auch so in ihrem Artikel.

— Sie ignorieren (oder allenfalls missverstehen völlig) alle Befunde der Impaktforschung, der Impaktgeologie, der Geophysik, der Mineralogie/Petrographie und der Geochemie.

— Mit dem Zitat der Abbildung in Götz et al. (2018) zeigen sie, dass sie das Bodenradar und seine Aussagekraft für die Kraterbildung des Tüttensee-Kraters grundsätzlich nicht verstanden haben (siehe das Bild mit dem Radargramm und seiner Interpretation hier oben).

— Die Autoren disqualifizieren sich selbst, wenn sie die unsägliche Geotop-Deklaration des Bayerischen Landesamtes für Umwelt (LfU) für den Tüttensee bemühen. Dazu ist alles unter  https://www.chiemgau-impakt.de/tag/tuettenseekrater/  gesagt worden.

— Die Ignorierung der Geophysik durch Huber, Darga und Lauterbach impliziert ihre Forderung, dass sich die Geophysik nach der Geologie zu richten hat, mit anderen Worten, dass sich die Messung der Interpretation unterzuordnen hat.

— Die nach internationaler Übereinkunft in der Impaktforschung als impakt-beweisend geltenden Schockeffekte, die die Mineralogie für den Tüttensee-Krater nachgewiesen hat, wie auch die gesamten mineralogischen Befunde, bleiben komplett außen vor.

— Die Erwähnung der Datierung durch das LfU mit der Bohrung im Parautochthon des Tüttensee-Kraters wärmt die längst als grundsätzlich irrig bewiesene Interpretation der Radiokarbon-Daten auf. Die jüngsten Daten der Bohrung liegen einige 1000 Jahre vor dem mittlerweile gut zu 900-600 v. Chr. datierten Impakt. Das kann alles in der publizierten Literatur nachgelesen werden (z.B. Rappenglück, B. et al., 2010; Rappenglück, M.A. et al., 2017 – siehe Publikationsliste auf www.chiemgau-impakt.de und die ausführliche Diskussion HIER)

— Der im Titel angeführte Chiemsee-Gletscher dürfte vermutlich gar nicht existiert haben, wie die eindrucksvollen (von Huber et al. fehlinterpretierten) Kiesgruben-Aufschlüsse zum gewaltigen Impakt-Tsunami belegen (Ernstson 2016, Ernstson 2015)

— Die gesamten sedimentologischen Ausführungen zum Eiszeit-Geschehen und zur eiszeitlich geprägten Landschaft wird den Autoren neue Betrachtungsweisen mit Einbeziehung des Impaktes abverlangen, vor allem im Hinblick auf die neuesten Forschungen des CIRT mit der Anwendung des Digitalen Geländemodells DGM 1 auf Strukturen im gesamten Krater-Streufeld. Es zeigt sich, dass z.B. viele der bisher als eiszeit-reliktische Toteisbildungen angesehenen Depressionen nordwestlich vom Chiemsee und in der Eggstätter Seenplatte zwingend eine Entstehung durch den Impakt erfordern. Die mit dem DGM 1 aufgezeigten präzisen, hochauflösenden geometrischen Formen hätten niemals mehr als 10 000 Jahre seit dem Ausklang der letzten Eiszeit überleben können (Ernstson & Poßekel 2020).

— Die Ausführungen der Autoren zum Chiemgau-Impakt insgesamt mit dem Literaturverzeichnis belegen, dass sie die neuesten Publikationen auf internationalen Kongressen und in Peer-Review Journalen zum Impakt entweder gar nicht gelesen haben oder sie bewusst verschweigen.

Umgekehrt zitieren sie, ganz offensichtlich in unlauterer, um nicht zu sagen böser Absicht, das populärwissenschaftliche Buch von Ernstson (2010) als Quelle für das angeblich erstmalig postulierte Impakt-Streufeld und den Tüttensee als Meteoritenkrater. Bereits 2004 erschien in der britischen Zeitschrift Astronomy der erste Artikel zum Chiemgau-Impakt mit dem Luftbild vom Tüttensee, das in Artikeln zum Chiemgau-Kometen in allen möglichen Sprachen und Medien um die Welt ging. In den folgenden sechs Jahren wurde eine Fülle weiterer Berichte und Artikel zum Chiemgau-Impakt und zum Tüttensee publiziert.

— Das FAZIT der Autoren Huber, Darga und Lauterbach spricht für sich selbst.