Lunar and Planetary Science Conference (LPSC) 2017 und der Chiemgau-Impakt: neue Beiträge

Auf der diesjährigen renommierten Tagung des Lunar and Planetary Institute in The Woodlands, Texas, hat es die folgenden Beiträge mit Bezug zum Chiemgau-Impakt gegeben:

Molnár M. Ventura K. Švanda P. Štaffen Z. Rappenglück M. A., Ernstson, K.:
Chrudim – Pardubice: Evidence for a Young Meteorite Impact Strewn Field in the Czech Republic –  Widespread finds of rocks and glasses with shock metamorphism and typical of meteorite impact suggest a Holocene impact event in the Czech Republic.

Es wird über ein neu entdecktes sehr junges Impakt-Ereignis in Tschechien berichtet, das verblüffende Ähnlichkeiten mit dem Chiemgau-Impakt und dem Saarland-Impakt (Nalbach) aufweist. Ein möglicher zeitgleicher Einschlag mit Auswirkungen über 650 km Entfernung in Mitteleuropa wird diskutiert. Anklicken für den Abstract-Artikel!

Procházka V. Trojek T.
XRF- and EMP- Investigation of Glass Coatings and Melted Domains of Pebbles from Craters in Chiemgau, Germany
Shock-induced melting mainly of biotite (?) produced typically porous veinlets. External glass coatings are rich in K and Cu (from plant biomass?), rarely in Ni.

Die tschechischen Autoren berichten über Untersuchungen an geschockten Geröllen aus den Meteoriten-Kratern Kaltenbach (in der Nähe vom Tüttensee-Krater) und #004 (bei Emmerting) des Chiemgau-Impaktes. Anklicken für den Abstract-Artikel.

Meteoritenkrater – Impakt zum Anfassen

Bereits in der Frühzeit der Erforschung des Chiemgau-Kraterstreufeldes zu Beginn des neuen Jahrtausends wurde bei einer Befliegung eine perfekt halbkreisrunde Struktur entdeckt, die wie in die Talböschung des Inns bei Marktl hineingestanzt erschien. Geologische Erforschung am Grund  und Probennamen belegten rasch den Einschlagcharakter dieses gut 50 m messenden Kraters, der als Nr. 24 in die seinerzeit von den Heimatforschern akribisch geführte Kraterliste des Chiemgau-Impaktes Eingang fand. Die halbkreisförmige Struktur war leicht mit der Erosionstätigkeit durch Hochwässer im Tal des Inns erklärt.

Weder in den topographischen Karten verzeichnet und bald mit einem großen Stall zugestellt geriet er ein wenig in Vergessenheit und wurde erst in jüngster Zeit dem Auge in voller Pracht durch das digitale Geländemodell DGM 1 zugänglich gemacht (Abb. 1).

Halbkrater Aiging Chiemgau Impakt DGM 1

Abb. 1. Halbkrater Aiching in der Inntal-Böschung gegenüber Marktl (UTM Koordinaten 338863, 5346952).

Während die Inn-Erosion in der Vergangenheit einen sehr groben Anschnitt des Kraters freigelegt hat, hat kürzlich der Mensch, sicherlich ungewollt, mit einer Kies-Entnahme einen exemplarisch fantastischen Schnitt durch den Kraterrand mit Ringwall geschaffen (Abb. 2, Abb. 3).

Halbkrater Aiging Chiemgau Impakt-Geologie zum Anfassen

Abb. 2. Der neu geschaffene Aufschluss im nordwestlichen Teil des Ringwalls.

Halbkrater Aiging Chiemgau Impakt-Geologie zum Anfassen

Abb. 3. Der Kraterrand im Detail mit einer Struktur aus einer Kombination vom Typ Barringer-Krater und vom Typ Odessa-Krater. Ausführlicheres wird in einem vorgesehenen Artikel zu lesen und zu schauen sein.

Da zu vermuten ist, dass weitere Kiesentnahme stattfinden wird, können die jetzigen Aufschlussverhältnisse weiter bewahrt aber auch völlig zerstört werden. Um dem Leser die Gelegenheit zu geben, sich dieses schöne Lehrbuch-Beispiel der Impakt-Kraterbildung in der Natur anzuschauen, wollen wir es wie beim mittlerweile weitgehend zerstörten Kiesgruben-Aufschluss bei Eglsee mit den wunderbaren Tsunami-Ablagerungen der kreuzgeschichteten Diamiktite halten. Damals schrieben wir in einer Vorab-Veröffentlichung auf dieser Internet-Seite: „Dass dieser Aufsatz in kurzer Form hier und jetzt im Internet publiziert wird, hat vor allem den Grund, dass sehr unsicher ist, wie lange der Aufschluss in seiner jetzigen, geologisch ungemein lehrreichen Form dem weiteren Kiesabbau widersteht. Das Abwarten auf eine vorgesehene Veröffentlichung in einer Peer-review-Zeitschrift kann dazu führen, dass das Objekt zu der Zeit gar nicht mehr existiert, und es wird interessierten Geowissenschaftlern, vor allem lokalen und regionalen Glazial-Geologen ans Herz gelegt, sich selbst ein Bild von diesem ungewöhnlichen geologischen Szenario zu machen.“

Dem ist im Hinblick auf den Halbkrater-Aufschluss nichts hinzuzufügen.

Neuer Artikel über den Chiemgau-Impakt und das Digitale Geländemodell (DGM 1) [auf Englisch]

Bildschirmfoto 2017-01-29 um 19.40.01

The Digital Terrain Model (DTM) and the evaluation of known and the search for new craters in the Chiemgau meteorite impact strewn field [Anklicken zum Herunterladen des PDF]

[Das Digitale Geländemodelle (DGM) und die Bearbeitung bekannter und die Suche nach neuen Kratern im Meteoritenkrater-Streufeld des Chiemgau-Impaktes]

Kord Ernstson * (2017)

*Faculty of Philosophy I, University of Würzburg, Germany, kernstson@ernstson.de

Abstract. – For several known and a few newly proposed meteorite craters in the Chiemgau meteorite impact strewn field the LiDAR data of the Digital Terrain Model DTM have been processed to reveal various maps and cross sections based on a high-resolution mesh down to 1 m and contour interval down to 0.2 m. The data processing highlights particular crater features that remain hidden in fieldwork and on conventional topographic maps and even may debunk mistaken structures.

Zusammenfassung. – Mehrere bekannte und einige neu vermutete Meteoritenkrater im Chiemgau-Impaktstreufeld wurden einem Daten-Processing des Digitalen Geländemodels DGM 1 unterzogen. Die resultierenden Karten verschiedenster Darstellungsweisen sowie frei wählbare Geländeprofile leiten sich aus hochauflösenden Rastern (1 m x 1m) der Topographie ab, wobei Höhenlinien-Abständen von 20 cm erzielt werden. Das Daten-Processing hebt ganz besondere Krater-Merkmale hervor, die bei gewöhnlicher Geländearbeit und auf üblichen topographischen Karten verborgen bleiben, und kann gegebenenfalls dazu dienen, einen Impakt-Ursprung zu widerlegen.

Content 1 Introduction – 2 The Chiemgau meteorite impact event 3 Data processing 3.1 Terrain imagery 3.2 Horizontal gradient 3.3 Data filtering 3.4 Cross sections 4 Examples 4.1 Small craters in the DTM 4.2 Peripheral depressions around small craters 4.3 Medium-sized craters in the DTM 4.4 Mistaken structures 5 A possible large-sized crater in the DTM 6 Discussion and conclusions 7 References Appendix